Die vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewichtssinn)

Der Gleichgewichtssinn entwickelt sich bereits ab der 9. Schwangerschaftswoche. Die Mutter stimuliert durch ihre Körperbewegungen die vestibuläre Wahrnehmung des Babys.
Nach der Geburt ist das Kind der Schwerkraft ausgesetzt. Zunächst ist die Motorik durch Reflexe gesteuert und das Baby muss lernen, seinen Kopf gegen die Schwerkraft aufzurichten und somit willkürlich zu bewegen. Hierzu muss es Gleichgewichtsinformationen aus dem Innenohr und visuelle Reize zusammenschalten. Die gesamte Motorik entwickelt sich aus der Kopfkontrolle des Babys (cranio-kaudale Entwicklung).

Viele Funktionen des vestibuläres Systems laufen unterhalb der Bewusstseinsschwelle ab und dennoch spielt das vestibuläre System eine wichtige Rolle in der Gesamtfunktion des Gehirns, denn der Gleichgewichtssinn wird als ein „ alles vereinendes Bezugssystem“ (Bausteine der kindlichen Entwicklung; J. Ayres) aufgefasst.
Die vestibuläre Wahrnehmung ist eine Wahrnehmung aus dem Körperinneren (Nahsinn).

Der Gleichgewichtssinn vermittelt uns Informationen über:

• Schwerkrafterfahrung (Dauerinformation)

• Drehbeschleunigung (Drehung des Kopfes vor- seitwärts)

• Lineare Bewegungen (vorwärts, rückwärts, seitwärts)

• Geschwindigkeitsveränderungen (abbremsen, beschleunigen)

• Unterscheidung von „Selbst“ und „Raum“ (drehe ich mich oder dreht der Raum sich).

Vestibuläre Empfindungen üben einen großen Reiz aus. Kinder erfahren dadurch Freude am Schaukeln, Angst vor dem Sturz, Angst vor Kontrollverlust. Manchen ist übel nach zu heftigem Drehen. Die meisten Kinder lassen sich gerne hoch werfen und jubeln. Sie hüpfen und springen vor Freude. Positive Gleichgewichtserfahrungen bauen folglich auch Freude und Vertrauen auf.
Bei zu heftiger vestibulärer Stimulation geht die gesamte Eigenorganisation des Körpers verloren, was heftige Angst oder Übelkeit auslösen kann.
Vestibuläre Reize „wecken“ die Großhirnrinde, sorgen, richtig dosiert, für mehr Aufmerksamkeit und Konzentration.

Gleichgewichtsreize „übertönen“ bzw. hemmen Reize aus anderen Wahrnehmungsbereichen. Sie werden im Hirnstamm von der Formatio reticularis verarbeitet. Hier werden sie verstärkt oder gehemmt. Sie wirken „weckend“, erregend oder aber beruhigend (Schaukelstuhl, Wiege).

Das Gleichgewichtssystem hat unter anderem Einfluß auf die Hals- und Augenmuskulatur. Es muss ein stabiles Gesichtsfeld aufrechterhalten. Es gibt Informationen über die Stellung des Kopfes im Raum. Augen- und Halsmuskeln müssen aufeinander eingestellt werden.

Störungen der vestibulären Wahrnehmung

• Mangelhafte Kopfkontrolle, dadurch persistierende Nackenreflexe

• Hierdurch mangelhafte visuelle Wahrnehmung, da der Kopf nicht willkürlich gesteuert werden kann
• Kopf wird abrupt bewegt

• Augen bleiben der Bewegung etwas zurück, springen hinter her, ohne zu fixieren und zu verfolgen

• Oft herrscht Unklarheit ob sich der Körper, der Kopf oder nur der Gegenstand bewegt

• Mangelhafte visuelle Kontrolle (optisches Fixieren und Verfolgen) führen zu Lernstörungen

• Raumorientierungsstörungen

• Zeilen beim Lesen können nicht eingehalten werden

• Graphomotorische Probleme

Weiterhin hat das Gleichgewichtssystem Einfluß auf Haltungs- und Gleichgewichtsreaktionen.

Vom Hirnstamm aus werden unwillkürliche Gleichgewichtsreaktionen durch automatische Muskelkontraktionen gesteuert. Insbesondere beim Gehen über unebene, bewegliche Untergründe müssen ständig Ausgleichsbewegungen stattfinden (mit den Armen, Vorbeugen des Oberkörpers...).
Menschen mit Problemen in der vestibulären Wahrnehmung müssen ihre Haltung durch Haltungsfixation stabilisieren.
Hals- und Nackenmuskulatur muss symmetrisch und gleichzeitig arbeiten können. Bei manchen vestibulären Wahrnehmungsstörungen fehlt auch die Abstützreaktion.

Die kinästhetische Wahrnehmung hilft, vestibuläre Reize besser zu verarbeiten: Muskel- und Gelenkinformationen werden „zugeschaltet“.